Hermann Maas -
Retter und
Brückenbauer
 
   
   
   
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Hermann Maas - Retter und Brückenbauer

von Prof. Thierfelder

In Heidelberg trägt eine Brücke den Namen Hermann-Maas-Brücke. Dass man gerade eine Brücke nach ihm benannt hat, ist gewiss von tieferer Bedeutung. Denn der Heidelberger Pfarrer Hermann Maas war in doppelter Hinsicht ein Brückenbauer. Zum einen zwischen Juden und Christen sein ganzes Leben lang, und zum andern ein Brückenbauer zwischen Deutschland und dem Staat Israel nach dem Zweiten Weltkrieg. Und er war darüber hinaus ein Retter, der vielen verfolgten und herumgestoßenen Juden und Judenchristen in der Zeit des Dritten Reichs seelsorgerlich beigestanden und vielen zur Emigration in ein sicheres Land verholfen hat. (Das Bild zeigt den alten Prälaten Maas im Gespräch mit einem Mitglied einer israelischen Reisegruppe.)

Ich möchte in einem ersten Teil auf den Werdegang und Prägungen von Hermann Maas eingehen und seine Prägungen, die wenigstens ansatzweise verständlich machen können, warum Maas im Unterschied zu den meisten Deutschen und den meisten Christen in der Zeit des Nationalsozialismus ein wirklicher Freund der Juden war. Ich möchte dann seinen Einsatz für verfolgte Juden im Dritten Reich schildern und schließlich seine Tätigkeit als Brückenbauer zwischen Juden und Christen und zwischen Israel und Deutschland nach 1945 darstellen.

1. Werdegang und Prägungen

Herman Maas, geboren 1877 in Gengenbach, aufgewachsen in Gernsbach, stammte aus einer badischen Pfarrersfamilie. (Bild: Personalia. Dieses Bild zeigt seinen Lebenslauf in seinen Personalakten.) Nach seinem Theologiestudium und seinen ersten Jahren im Pfarrdienst war er von 1915 bis 1943 Pfarrer an der Heiliggeistkirche, der Heidelberger evangelischen Hauptkirche. Von 1945 bis 1965 war er Kreisdekan; später wurde der Titel in Prälat verändert. Er war mit Cornelie geb. Hesselbacher verheiratet; sie hatten drei Töchter. Er war geprägt von der liberalen Theologie, durch seine Mitarbeit in der ökumenischen Bewegung und durch seine frühe Begegnung mit dem Judentum.

Die vor dem ersten Weltkrieg in Deutschland tonangebende liberale Theologie vermittelte ihm, "die Offenheit der kirchlichen Verkündigung für Kirche und Gesellschaft, gepaart mit einem hohen Anspruch an wissenschaftlicher Reflexion, verbunden mit sozialem Verantwortungsbewusstsein". Gerade dieses zeigt er, als er nach dem Krieg der DDP, der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei von Friedrich Naumann und Max Weber beitrat. Er saß für sie zwei Legislaturperioden im Heidelberger Stadtrat. Maas stimmte damals auch dafür, daß der neue Stadtteil Pfaffengrund entstand für mittellose Familien, die nach dem ersten Weltkrieg eine Bleibe suchten.

Maas war ein früher Pionier der ökumenischen Bewegung, die sich für den Frieden zwischen Kirchen und Völkern einsetzte. Maas half mit, daß in den ersten Augusttagen 1914 in Konstanz der Weltbund für internationale Freundschaftsarbeit der Christen begründet wurde. Er schrieb später: "Ich habe mein Leben lang diese Linie nicht verlassen und bin nur in der kommenden Zeit immer radikaler geworden in dem Kampf um den Frieden und um eine wirklich aktive Gewaltlosigkeit. Darum blieb ich auch bewahrt vor jedem Nationalismus und jeder Begeisterung während der Jahre 1914 bis 1918 und versuchte nach dem furchtbaren Ende, in dem Kampf für den Frieden Trost zu finden und anderen zu geben." In der späten Weimarer Republik veranstaltete er zusammen mit einem katholischen Theologen aus Freiburg und dem Mannheimer Rabbiner Max Gruenewald Friedenskundgebungen "vor indifferenten oder unwilligen Zuhörerschaften". Er trat damals auch ein in den Verein zur Abwehr des Antisemitismus um den Stuttgarter Stadtpfarrer Lamparter.

Schließlich hatte Maas von frühester Jugend an intensive Kontakte zu Juden. Er schrieb später: "Schon in früher Jugend fühlte ich, der Sohn und Enkel von Pfarrern, mich dem Volk Israel in einer geheimnisvollern Weise hingezogen. Meine ersten Freunde waren im Grund immer Juden." 1903 hielt sich der junge Geistliche Maas in Basel auf, als dort der 6. Zionistenkongress stattfand. Er bat darum, zu diesem Kongress als Besucher zugelassen zu werden, was ihm auch gewährt wurde. In Basel traf Hermann Maas Theodor Herzl, Chaim Weizmann und Martin Buber. Mit Buber blieb er zeitlebens in Verbindung. Er erlebte dort die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen den "Uganda-Leuten", d. h. den jüdischen Vertretern, die sich einen jüdischen Staat auch im afrikanischen Uganda vorstellen konnten und den "Zionisten", für die nur Israel für einen jüdischen Staat in Frage kam. Natürlich hatte Maas kein Stimmrecht. Er sprach sich aber für die Zionisten aus. Dort wurde Maas, wie er später einmal sagte, "Zionist in heiliger Liebe zu den Verheißungen der Bibel". Sein Zionismus ist ganz stark von den Verheißungen der Bibel geprägt. Später konnte er deshalb so formulieren: "Der Zionismus hat viele Gesichter. Aber hinter dem nationalistischen und wirtschaftlichen Gesicht steht ein anderes. … Sein Weben und Leben in den prophetischen Verheißungen des Landes, der Gerechtigkeit, des Friedens, des Heils, alles dies und viel mehr sind die tiefsten Motive des Zionismus."

Reichsweit bekannt wurde Hermann Maas, als er 1925 an der Trauerfeier für den verstorbenen Reichspräsidenten Friedrich Ebert mitwirkte. Die Familie des aus der katholischen Kirche ausgetretenen Sozialdemokraten Ebert hatte Maas um Dienst gebeten. Dieser sagte aus seelsorgerlichen Gründen zu. Die Kirchenleitung kritisierte Maas scharf. Hinter dem Vorwurf, daß Maas sich nicht an die kirchlichen Vorschriften gehalten habe, wird die mehrheitlich national und konservativ eingestellte Haltung der Kirchenleitung sichtbar.

Es folgt ein Sprung in das Jahr 1933. Anders als die meisten kirchentreuen Protestanten, die die sog. Machtergreifung begeistert begrüßten, war Maas eher erschrocken. "Ich sah in Hitler von der ersten Minute an das Unheil für das deutsche Volk," schrieb er später. Entsetzt war er über die immer mächtiger werdende Gruppe der Deutschen Christen, die den Nationalsozialismus und das evangelische Christentum miteinander zu verbinden suchten. Sie wollten keine Pfarrer jüdischer Herkunft in der Kirche mehr dulden ("Arierpragraph") und hätten am liebsten alle Christen jüdischer Herkunft in Sondergemeinden gesteckt. Sie forderten schon 1932 - drei Jahre vor den Nürnberger Rassegesetzen - ein Verbot von Ehreschließungen zwischen Deutschen und Juden. Und Maas beklagte vor allem das Schweigen und Wegsehen auf der Seite der Kirche.

In den ersten Monaten des Jahres 1933 war Maas mit den Vorbereitungen auf seine Palästinareise beschäftigt, die von April bis Juli 1933 stattfand. Maas hatte hierfür ein Stipendium des Deutschen Palästina-Komitees erhalten. Maas schrieb später: "Den so genannten Umbruch 1933 habe ich kaum miterlebt. Er fiel in meine letzten Vorbereitungen zu einer mehrmonatlichen Palästinafahrt, die mich ganz in Anspruch nahm und ich war glücklich, dem verirrten, berauschten, mir unbegreiflichen deutschen Volk entfliehen zu können."

Mit einer Gruppe der WIZO (Women's International Zionist Organisation), der internationalen jüdischen Frauenorganisation, fuhr er von Neapel nach Haifa. Er erlebte wie Hunderte von verzweifelten Flüchtlingen aus Deutschland das amerikanische Schiff, die "Vulkania", bestiegen. Im Heiligen Land besuchte Maas nicht nur die christlichen Erinnerungsstätten. sondern auch Ausgrabungsorte und vor allem auch Kibbuzim. Er feierte jüdische Feste mit. Um nicht als Fremdling zu erscheinen, hatte Maas Ivrit gelernt. Von Maas gibt es viele auf Hebräisch verfasste Briefe. So hat er z.B. mit Schalom Ben Chorin auf Hebräisch korrespondiert. (Bild Maas mit hebräischem Buch) Als Maas Anfang Juli 1933 wieder heimkehrte, sah er sich einer Hetze ohnegleichen ausgesetzt. Der örtliche Kreispropagandaleiter der NSDAP forderte vom evangelischen Dekan, dem Vorgesetzten von Maas, dass dieser auf keinen Fall am nächsten Sonntag wieder predigen dürfe, vielmehr sollte er bis zur Entscheidung des Oberkirchenrats von der öffentlichen Seelsorge entbunden werden. Begründung: "Die seit Jahren betont judenfreundliche Einstellung des Stadtpfarrer Maas ist stadtbekannt…Maas wird überall als der Judenpfarrer betrachtet." Die Kirchenbehörden rieten Maas, den ersten Gottesdienst nicht zu halten, um sich nicht zu gefährden. Maas kam diesem Rat nach. Schließlich protestierte Landesbischof Kühlewein - veranlasst auch durch Briefe des Heidelberger Dekans und einiger Amtsbrüder - dagegen, dass man Maas an der Ausübung seiner Predigttätigkeit hindern wollte, ohne dass begründete Beschwerden vorgebracht würden. Die Sache verlief schließlich im Sand. Weder NSDAP und Regierung in Baden noch die badische Kirchenleitung waren am Anfang des Dritten Reichs an einem Konflikt interessiert; vielmehr befürwortete man einen modus vivendi. Der Bischof mahnte Maas damals, sich auf seine "gemeindepfarramtliche Tätigkeit" zu beschränken. Daran hielt sich Maas nicht. Er wurde später Mitglied der Bekennenden Kirche. Marianne Weber, die Frau des berühmten Soziologen Max Weber, schrieb nach einem Besuch einer Predigt von Maas: "Es sei ihr bewusst geworden, wer dahin gehen, werde von der Gestapo beobachtet und notiert; zu Predigt von Maas zu gehen sei ein Bekenntnis, ein christliches Wagnis. Maas habe auch entsprechend gesprochen."

2. Der Einsatz für die verfolgten Juden

Während viele Deutsche, auch viele Christen sich nach 1933 ihrer Bekanntschaft mit Juden zu schämen begannen, bezeugte Maas in aller Öffentlichkeit seine Solidarität mit den Juden. Ihn trieb nicht nur Nächstenliebe für die "unter die Räuber Gefallenen"; er ging von einer tiefen Verbindung zwischen Juden und Christen aus. Anlässlich der Reichspogromnacht 1938 schrieb er einem jüdischen Mitbürger in Baden-Baden: "Ich stehe bei Ihnen, nicht trotzdem Sie Jude sind, sondern weil sie es sind und weil ich heute von einer Gottesgemeinde, einem Gottesvolk weiß, zu dem wir, Sie und ich, in gleicher Weise als Brüder und Schwestern gehören, in gleicher Weise angegriffen, verachtet und verstoßen von der Welt, in gleicher Weise auch geborgen in der Liebe des Ewigen, dessen Kinder wir sein dürfen." Demonstrativ nahm er an den hohen jüdischen Feiertagen an den jüdischen Gottesdiensten in der Synagoge teil. Fritz Pinkuss, der damalige Heidelberger Rabbiner und später Rabbiner von Sao Paulo, schilderte das 1985 so:

"Seine menschliche Verbundenheit war so tief, dass wir an Heiligabend bei ihm waren und er bei uns zur Pessachfeier und an den hohen Feiertagen des Judentums. Das ging so weit, dass ich ihm dringend raten musste, seine Sicherheit nicht durch Teilnahme an unseren Gottesdiensten zu gefährden und an einem anderen Platz am Gottesdienst teilzunehmen. Selten habe ich jemand so innig beten sehen, wenn er zu den großen Gebeten der Hohen Feiertagen kam."

Maas unterstützte und beriet nicht nur getaufte Juden, sondern stand überhaupt bedrängten Juden bei. Dafür gibt es viele Beispiele. Fritz Pinkuss legte ihm bei seiner Emigration 1938 an Herz "für die Verfolgten und die Alten zu sorgen". Maas kümmerte sich um die Alten im jüdischen Altersheim in Mannheim. Er befestigte an der Glastür seines Pfarrhauses in der Hirschgasse eine Mesusa, eine Türpfostenkapsel, mit der Begründung: Meine jüdischen Freunde sollen wissen, dass sie bei mir sicher sind. Maas sammelte um sich einen Kreis von Helfern, vielfach selber gefährdeten Menschen, so die Sozialpolitikerin Marie Baum, die 1933 ihren Lehrauftrag an der Universität wegen ihrer "nichtarischen" Herkunft verloren hatte, so Annemarie Fraenkel, die Tochter des weltbekannten Strophantinforschers Prof. Albert Fraenkel. Auch Elisabeth von Thadden, die Leiterin einer privaten Mädchenschule in Heidelberg-Wieblingen, unterstützte ihn.

Maas setzte auch seine ökumenischen Beziehungen für die verfolgten Juden ein. Auf einer Tagung des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen in Chamby bei Genf 1935 referierte er über "das Problem der nichtarischen Christen". Er sah diese zwischen allen Stühlen sitzen, nicht unterstützt von jüdischen Hilfsorganisationen und viel zu wenig unterstützt von den evangelischen Kirchen. Maas forderte Kollektivsiedlungen im Ostjordanland, Schulen in Deutschland, die auf die Auswanderung vorbereiteten und eine neue Besinnung auf die bleibende Erwählung Israels nach Röm 9-11. Schließlich wurde am 1. Januar 1936 in Anwesenheit von Maas das International Christian Committee for German Refugees gegründet, das vor allem bedrohten Christen jüdischer Herkunft zur Emigration ins Ausland und zum Leben dort helfen sollte.

Maas nahm 1936 an einem Ausschuss der Bekennenden Kirche teil, die eine Erklärung der Bekennenden Kirche zur Judenfrage für eine Synode konzipieren sollte, die dann aber nicht zustande kam. Erhalten geblieben sind seine Referate: Für Maas ist der Kampf gegen die Juden weniger eine politische als vielmehr eine theologische Frage: "Hinter dem Kampf gegen die Juden verbirgt sich der Widerspruch gegen den Anspruch Gottes, der mit dem jüdischen Volk, seiner Erwählung, seinem Schicksal und mit der Tatsache Joh. 4,22: 'Das Heil kommt von den Juden' an uns gestellt ist." Für Maas wird darum letztlich im Angriff gegen das Judentum der Glauben der Kirche angegriffen. Daraus ergibt sich als Aufgabe der Kirche, "ein schützender Zaun um das ganze leibliche Israel zu sein".

Maas stellte heraus, daß die Heimkehr des jüdischen Volkes nach Israel auch für die Christen von Relevanz ist. Er betonte - auf der Grundlage von Röm 9-11 - die gemeinsame Wurzel von Juden und Christen aus und sah "eine eschatologische Einheit von Kirche und Israel". Er schrieb: "Mag dieser Zionismus auch heute vor allem eine weltliche, soziale und politische Außenseite haben - mag er auch die Judenfrage noch nicht in tiefstem Kern ernst ins Auge gefasst haben - tief innen liegt doch etwas viel Größeres: Ein Wandern des jüdischen Volkes nach dem Land, in dem der Herr nach seiner Verheißung das Volk zu Christus endgültig führen will. Die zionistische Bewegung ist eine endzeitliche Bewegung im christlichen Sinne." Das war für damals eine kühne Aussage, die im Ausschuss auf Widerspruch stieß. Erst nach dem Krieg wurde in der evangelischen Kirche neu nachgedacht über die bleibenden Verheißungen an Israel, wie dies der Apostel Paulus in Röm 9-11 herausgestellt hatte: Auch nach dem Kommen Jesu bleiben die Verheißungen an Israel in Kraft.

Mit der Reichspogromnacht 1938 trat die Judenverfolgung in eine neue schreckliche Phase. Eine jüdische Frau erzählt, wie ihr damals Maas begegnete: "Ha, und das andere war 1938 am 10. November; wie ich erfahren habe oder gehört habe und erst geglaubt hab, es sei ein Gerücht, daß in Mannheim die Synagogen brennen, bin ich von der Wohnung zur Synagoge gelaufen im Laufschritt, und es schlug mir schon der Qualm entgegen. Wie ich dann an die Synagoge in F2 kam, standen Massen von Leuten hämisch vor der Synagoge und Hitlerjugend stand mit Sammelbüchsen und haben 20 Pfennig Eintritt verlangt, um für dieses ‚wunderbare' Ereignis, nämlich die brennende Synagoge zu sehen, zu kassieren. Und ich bin dann, vom Rauch kaum etwas sehend und vom Weinen die ‚Freßgass' zurückgerannt. Irgendwo auf dem zweiten, dritten Quadrat nach der Breiten Straße hat sich ein Arm um mich gelegt und (jemand) hat zu mir gesagt: ‚Kind, wein' nicht, das ist das Anfang vom Ende.' Und so bin ich immer wieder dem Prälat Maas begegnet."

Im gleichen Jahr gründete der Berliner Pastor Heinrich Grüber im Auftrag der Bekennenden Kirche die Kirchliche Hilfsstelle für evangelische Nichtarier. In der Berliner Zentrale an der Stechbahn arbeiteten 30-40 Mitarbeiter, viele davon waren jüdischer Herkunft und überlebten die Schoah nicht. Arbeitsgebiete waren Auswandererberatung, Stellenvermittelung im Ausland, Geldunterstützung, Rechtsberatung, Familienschule und immer wieder seelsorgerliche Gespräche. Die Hilfsstelle wurde vom Regime nie offiziell anerkannt, aber zunächst geduldet, weil die Nazis darin interessiert waren, Deutschland "judenfrei" zu machen. Eigentlich sollte Maas die Leitung dieser Hilfsstelle übernehmen. Gruber schrieb später: "Ich schlug Pfarrer Maas aus Heidelberg vor, der auf diesem Gebiet Erfahrung besaß und den man nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland als Freund der jüdischen Mitmenschen kannte. Pfarrer Maas wollte seine bisherige Arbeit in Heidelberg nicht aufgeben." Maas leitete die Heidelberger Vertrauensstelle des Büro Pfarrer Grüber und bemühte sich darum, gefährdeten Juden und Judenchristen zur Auswanderung aus Deutschland zu verhelfen.

Obwohl die Gestapo den gesamten Briefwechsel von Maas beschlagnahmte und wohl auch vernichtete, konnte doch einiges von der konkreten Rettungsgätigkeit von Maas rekonstruiert werden. Auch Zeitzeugen konnten noch gefunden werden. Maas stand in enger Verbindung mit England, Schweden und der Schweiz: In England war Bischof George Bell von Chichester sein besonderer Gesprächpartner, in der Schweiz Adolf Freudenberg vom ökumenischen Flüchtlingsdienst. Der aus der Weinheimer Unternehmerfamilie stammende, frühere Diplomat musste wegen seiner "nichtarischen" Frau den diplomatischen Dienst quittieren und hatte nach einem Theologiestudium in Genf den ökumenischen Flüchtlingsdienst aufgebaut. In Schweden bestand ein Kontakt zu Erzbischof Eidem. An konkreten Fällen nenne ich Alfred (heute: Arie) Flor, der 1920 in Heidelberg geboren wurde und der Maas von dessen Besuchen in der Synagoge kannte. Er wurde nach der Reichspogromnacht in Dachau inhaftiert. Als er freikam, konnte Maas ihn in ein Vorbereitungslager für Palästina vermitteln. Das Lager wurde 1940 aufgelöst. In einer langen Odyssee kam er dann nach Palästina und wurde Mitglied im Kibbuz Kfar Gil'adi. Weiter verhalf Maas Paul und Martha Rosenzweig (heute: Reginald Pringle und Martha Mower), zwei Christen jüdischer Herkunft zur Ausreise nach England.

Ganz besonders lag ihm die Rettung von Kindern am Herzen: "Ich reiste… wohl alle Vierteljahre nach England, um meine vielen Kinder und jüdischen Familien zu retten." Das Büro Pfarrer Grüber soll im Ganzen mindestens 950 christliche Kinder jüdischer Herkunft nach England gebracht haben. [Anmerkung: Diese Kindertransporte ermöglichten es insgesamt 9763 Kindern, nach England zu fliehen (laut W.E. Norton, Vorsitzender der H. Maas-Stiftung)]

Von einem Besuch im Bloomsbury House in London, wo viele Hilfsstellen ihren Sitz hatten, berichtete er so: "Drüben ging mir ... doch mit Schrecken auf, daß alle am Ende der Kraft, der Mittel und des Rats sind. Tag und Nacht verfolgen mich die Bilder, die ich sah, dieser tausendfache Andrang in den Räumen des Komitees, ein heimsuchendes Volk, in engen Gängen, Treppen und überfüllten von Weh und Ach, Schelten, Zürnen erfüllten Büros, die zum Teil von ungeeigneten, lieblosen Menschen zu Infernos gemacht wurden. Entsetzlich! Ich habe wohl in den 24 Büros gearbeitet, ... sehr ernste Gespräche geführt, von den Quäkern aufs Liebenswürdigste empfangen. O Gott, was muß geschehen! Ich zittere vor dem Gottesgericht, das sich grausig in diesen Tage zusammenzieht über uns, Europa und am Ende der ganzen Welt. Und das alles um einer Idee willen ..."

Eine ganz wichtige Rolle spielte Maas bei der Rettung von 40 Pfarrern jüdischer Herkunft mit ihren Familien. George Bell, der Bischof von Chichester und Freund Dietrich Bonhoeffers konnte beim englischen Innenministerium deren Einreise nach England erwirken. Maas sollte auf Wunsche der ökumenischen Zentrale in Genf eine Liste der Personen zusammenstellen, die gerettet werden sollten. Auf der Maas-Liste standen die Namen vieler bedrohter Pfarrer. Sie konnten mit dem sog. Bell-Ticket ausreisen. Doch Maas drängte auch darauf, ein Sammelvisum für 100-200 oder noch mehr Laien zu beschaffen. Seine Kontakte mit Juden und seine Taufen von Juden ließen Maas zum Ziel von Angriffen in Heidelberg werden. In einem unzensierten Brief nach Zürich berichtete er 1935 über den ganzen Wahnsinn der NS-Rassenpolitik: "Hier treibt man wieder hinter mir her, weil ich in 25prozentiges nichtarisches Kind getauft habe,... Und wer schützt einen bei solches Kesseltreiben? Oder klatscht über mich an allen Biertischen, daß ich mit einem nichtarischen Arzt auf der Straße gesprochen, weil ich in einem sehr dringlichen Seelsorgefall, ihn, den Hausarzt, um Rat fragen mußte ..."

Es kam zu zermürbenden Gestapoverhören, und es grenzt an ein Wunder, dass er nicht verhaftet wurde. Sicher war Maas vorsichtig, um seine Arbeit nicht zu gefährden. Nach dem Krieg sagte er einmal: "Ich wollte doch kein Märtyrer werden, ich wollte weiterarbeiten." Er scheute auch vor Schutzbehauptungen nicht zurück. So wies er in einem Brief an den Oberkirchenrat, der für staatliche Ohren bestimmt war, den "Vorwurf der Judenfreundlichkeit und Staatsablehnung … auf das Entschiedenste zurück ... Wenn ich mich hier der Juden angenommen habe, so geschah dies nicht, um Maßnahmen, die der Staat nach der rassischen und politischen Seite für nötig erachtet und die er allein zu verantworten hat, irgendwie zu kritisieren oder zu erschweren oder sie auch nur in Frage zu stellen."

Maas hatte seine eigene Erklärung für den erfahrenen Schutz: "Viel Behütung und seltsame, mir oft unerklärliche Unentschlossenheiten der Gestapo bewahrten mich vor dem allerletzten, dem Lager und dem Strick. Aber ich glaube sagen zu dürfen, daß damals meine große Gemeinde in Heidelberg wie ein Schutzwall hinter mir stand und oft die Gestapo zögern ließ oder gehemmt hat."

Ende 1940 wurde Heinrich Grüber verhaftet und kam ins Konzentrationslager, zuerst nach Sachsenhausen und dann nach Dachau. Anfang 1941 wurde auf Befehl der Gestapo das "Büro Grüber" geschlossen.

Einen besonderen Schock bedeutete für Maas die plötzliche Deportation der Juden aus Baden und der Saarpfalz im Oktober 1940. Maas nahm noch Kontakt mit Grüber mit Freudenberg vom Ökumenischen Flüchtlingsdienst in Genf auf. Es war alles umsonst. Bei einigern älteren Menschen versuchten er und seine Mitarbeiter/innen mit Medikamenten zu bewirken, dass sie als nicht transportfähig eingestuft wurden. Kurz danach schrieb er: "Heute quäle ich mich, dass ich nicht gebeten habe, mitzudürfen und mit diesen armen Brüdern und Schwestern zu sterben."

1940 begann eine Kampagne gegen ihn, die ihn schließlich aus dem Amt bringen sollte. Ihm wurde zunächst das Amt des Standortpfarrers, das er nebenamtlich innehatte, entzogen. 1942 entzog ihm das Kultusministerium die Erlaubnis, Religionsunterricht zu erteilen.

Schließlich forderte das Kultsministerium vom den Oberkirchenrat, Maas "aus der Seelsorge zurückzunehmen". Man hatte bei einer Briefpartnerin, Claire von Mettenheim in Frankfurt, Briefe von Maas mit regimekritischen Äußerungen gefunden. Maas brachte eine vorzeitige Zurruhesetzung ins Gespräch, um seiner Entfernung aus dem Amt durch ein Disziplinarurteil zuvorzukommen. Er wurde dann auf 1. Juli 1943 in den Ruhestand versetzt.

1944 wurde er zusammen mit anderen Heidelbergern zur Zwangsarbeit in Frankreich verpflichtet. Es war die Zeit, in der die Nazis vielfach noch sog. Mischlinge 1. Grades in Arbeitslagern verschleppten. Maas schrieb dazu: "Dann kam noch in Versuch, den alternden Mann endgültig zum Schweigen zu bringen. Man befahl mir, dem 67-jährigen Mann, mit einem Schippenkommando, das unter SA-Bewachung stand, nach Frankreicht zum Schippen mitzugehen. Ich habe auch das ausgehalten, getrost, weil ich das nahe Ende sah und beglückt durch die Kameradschaft der Mitbestraften. Der Einzug der Amerikaner machte diesem Spuk und Unsinn ein Ende. Wir brannten durch und kamen in die Heimat."

3. Hermann Maas, der Brückenbauer

Als am 30. März 1945 Heidelberg von den Amerikanern besetzt wurde, empfand Hermann Maas weniger Trauer um die deutsche Niederlage, sondern "Freiheit, Erlösung, Ende der Tyrannei". So schrieb er zwanzig Jahre später in einem Leitartikel in der in Tel-Aviv erscheinenden deutschsprachigen Zeitung "Weg und Ziel". Maas beschäftigte sich zunächst ganz stark mit der Frage der Schuld.

Im August verfasste er ein Memorandum für den Ökumenischen Rat in Genf, "Wie ich mir den Neuaufbau der evangelischen Kirche denke". Es beginnt mit dem Satz: "Aller Neuaufbau muss mit Auskehren, Aufräumen und Abreissen beginnen. In der Sprache der Bibel heißt das ‚Buße' tun." Und dann wurde diese Schuld von Kirche und Christen konkret aufgewiesen. "Gewiß, wir haben vieles nicht gewußt von dem Entsetzlichen, was geschehen ist. Aber das ist nun oft genug versichert worden. Hat das, was wir wußten, gesehen und gehört haben, nicht genügt?

"Haben wir nicht den 1. April 1933 erlebt mit seinen Grausamkeiten und seiner wüsten Demagogie auf unseren Gassen? Haben wir nicht die Lieder gehört, die unsere Jugend sang, wenn sie brüllend durch die Straße zog, oder den entsetzlichen Ton ihrer Landesknechttrommeln? Nicht die SA-Lieder und den geschmacklosesten Schmarren als Dichtung und Weise eine Schande für das Deutschland der großen Dichter und Musiker? - das Horst-Wessellied? Nicht die von Satire, Hass und aufreizender Demagogie bis an den Rand gefüllten Reden des Führers und der Führer?

"Haben wir nicht die abgebrannte Synagoge gesehen, das Gotteshaus mit einem Bibelwort an der Stirnseite und den Gesetzesrollen und Prophetenbüchern im Allerheiligsten? ..."

Auch die evangelische Kirche hätte zu den Schandtaten des NS-Regimes faktisch geschwiegen, zur Judenverfolgung, zur NS-Euthanasieaktion und zum Zweiten Weltkrieg: "Wir hätten aufschreien und immer wieder unser Leben und unsere Freiheit wagen müssen. Wir alle, die ganze Kirche, wir können uns nicht entschuldigen, wir müssen uns anklagen, wir klagen uns an."

Als dann 1946 die Jüdische Rundschau wieder erschien mit einem Grußwort des Frankfurter Rabbiners Dr. Neuhaus, bekannte sich Maas in einem Leserbrief zur "Last der Schuld, die auf dem nichtjüdischen deutschen Volk liegt und damit auf jedem Einzelnen, auch auf mir. Wir sind mitschuldig, auch wenn wir Israel so heiß geliebt haben und gegen diese grauenhaften Mächte gekämpft haben, wie ich es versuchte." Für viele Studenten in Heidelberg war diese Äußerung zu viel. Sie erwarteten von einem führenden Kirchenmann wohl eher ein kritisches Wort zur Politik der Besatzungsmächte, eben zur "Schuld der Anderen". An den Oberkirchenrat in Karlsruhe wurde berichtet: "In Heidelberg herrsche namentlich in studentischen Kreisen große Erregung über diese Äußerung eines bekannten und angesehnen Vertreters der Evangelischen Kirche."

Nach dem Krieg wurde in der badischen Landeskirche ein neues Amt geschaffen, das eines Kreisdekans. Maas wurde Kreisdekan für Nordbaden. Später wurde die Bezeichnung Kreisdekan in Prälat umgewandelt. Nicht wenige Synodale wollten ihn also Landesbischof haben. Soweit kam es nicht. Für manche war er theologisch zu liberal. Für manche war er zu alt. Keiner konnte ahnen, daß Maas noch volle 20 Jahre Dienst tun sollte.

In mancher Beziehung nahm Maas den Faden von vor 1945 wieder auf. Er gründete mit anderen Heidelbergern ein Komitee für die Opfer des Nationalsozialismus, das er zeitweilig leitete. Im Rahmen dieses Komitees und dann als Prälat nahm er seine Hilfe für Judenchristen in Not wieder auf. In Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Konsul in Stuttgart konnte eine größere Gruppe von Christen jüdischer Herkunft in die USA auswandern. Maas bemühte sich auch um die Rückkehr von Robert Raphael Geis, der von 1934 bis 1937 Rabbiner in Mannheim war. Geis wurde 1952 Landesrabbiner von Baden. Mit dem späteren Landesrabbiner Nathan Peter Levinson war Maas eng befreundet. Ich freue mich, sagen zu können, daß seine Frau Pnina Nave-Levinson an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg einen Lehrauftrag hatte und zur Honorarprofessorin ernannt wurde.

Hermann Maas als Brückenbauer
zwischen Juden und Christen

Er gehörte 1946 zu den vier deutschen Teilnehmern einer Konferenz der International Conference of Christians and Jews im August 1946 in Oxford. Diese Konferenz setzte sich zum Ziel, die Gemeinsamkeiten von Judentum und Christentum herauszustellen in bezug auf ihr religiöses Verständnis von Wirklichkeit und ihren gesellschaftlichen Auftrag. Ein Bild ist erhalten geblieben, auf dem Maas und Grüber zu sehen sind mit den Rabbinern Moses Weiler aus Südafrika, Leo Baeck, Berlin, William Rosenblum, USA und Oberrabiner Friediger, Kopenhagen. (Foto Maas und andere in Oxford) Eine Augenzeugin der Konferenz berichtete, daß "die Ansprache von Maas einen sehr tiefen Eindruck hinterließ". Maas nahm die Konferenz zum Anlass, "eine ungeheure Schuld zu bekennen, eine Schuld, welche das deutsche Volk - verführt und mitgerissen - auf sich geladen hat und für alle Zeiten wird tragen müssen; eine Schuld, die wir alle mittragen müssen - selbst diejenigen unter uns, die von Anfang an gegen diese Teufelei und Teufel gekämpft haben". 1946 und 1947 fanden Folgekonferenzen statt. Auf der Oxforder Konferenz von 1946 wurde der Grundstein für den "Internationalen Rat der Juden und Christen" gelegt, der heute seinen Sitz im ehemaligen Wohnhaus von Martin Buber in Heppenheim hat. Den deutschen Koordinierungsrat und die ihm angeschlossenen Gesellschaften für deutsch-jüdische Zusammenarbeit, die 1948 entstanden, begrüßte Maas und arbeitete an ihnen mit. Er schrieb 1966 ein "Wort zur christlich-jüdischen Zusammenarbeit", in dem er für eine Begegnung von Christen und Juden warb. Maas war wichtig, dass man nicht nur auf der humanitären Ebene bleibt. Es geht um wirkliche Begegnung und eine solche Begegnung könne ohne "wirkliches Sich-Kennenlernen" nicht zustandekommen. Und er stellte in diesem Wort Fragen an Christen und Juden: "Wieviele Christen wissen denn, dass in der Rangordnung der Fragen die Judenfrage hohen, ja höchsten Wert hat? Wieviele kennen die besondere Art des jüdischen Gottesdienstes, der jüdischen Gebete, Liturgien und musica sacra?" Und: "Wieviele Juden wissen wirklich etwas von den echten christlichen Glaubensüberzeugungen? Von der Bedeutung des Alten Testaments für die Christenheit und von den entscheidenden Worten und Verheißungen, die gerade über Israel im Neuen Testament stehen?"

Hermann Maas als Brückenbauer
zwischen Deutschland und Israel

In besonderer Weise bemühte sich Maas um die Versöhnung mit dem jüdischen Volk und nach dessen Gründung 1948 mit dem Staaat Israel. Der Staat Israel lud ihn 1949 als ersten christlichen Deutschen offiziell nach Israel ein. Die Einladung wurde vom Misrad Ha-Datot, dem Amt für die Beziehungen des Staates Israel zu den nichtjüdischen Glaubensgemeinschaften und dem damaligen Religionsminister Rav Maimon ausgesprochen. Maas reiste sieben Wochen durch das Land von Süden bis Norden. Er besuchte Shave Zion, jene Siedlung, die von aus Rexingen in Baden-Württemberg geflüchteten Juden gegründet worden war. In Degania A traf Maas seinen Jugendfreund Dr. Eugen Neter und seine Frau. Neter war bis 1940 Kinderarzt in Mannheim gewesen, ging dann freiwillig nach Gurs und siedelte sich mit seiner Frau in Israel an. Weiter besuchte Maas die Familie Ruppin, Dr. Oppenheimer in Rehovot und Prof. Picard in Jerusalem. Er sah einen Anwalt wieder, der früher in Heidelberg gelebt hatte. Er besuchte in Jerusalem neben Martin Buber den Philosophen Hugo Bergmann und den Pädagogen Ernst Simon. Seinem Besuch 1950 folgten weitere. Nach solchen Besuchen machte Maas in Büchern und Aufsätzen auf die besonderen Probleme des Staates Israel aufmerksam. (Bild Cover von Maas-Büchern) Zu nennen sind Bücher wie "Skizzen von einer Fahrt nach Israel" (1950) und "Der Staat Israel. Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft" (1950) in denen Maas seine erste Reise nach Israel darstellte und reflektierte.

Bekannter wurde dann das 1955 publizierte Buch "...und will Rachels Kinder wiederbringen in das Land". Darin sprach Maas auch ein "todernstes Problem" an, das Problem "des Friedens mit den Arabern". Auch wenn für Maas das Lebensrecht des Staates Israel außer jedem Zweifel war, hatte für ihn dieser Friede einen hohen Stellenwert. Die Probleme waren für ihn nur friedlich zu lösen. Maas nahm die Anschläge auf beiden Seiten wahr. Besorgt schrieb er den Satz: "Jede Gewalttat herüber und hinüber kann Sturm sein, der die glimmenden Funken zu Flammen werden lässt, die einen Weltbrand bedeuten können".

Seit 1950 schrieb Maas regelmäßig bis zu seinem Tod an seine jüdischen Freunde in Israel und in aller Welt Briefe zu Rosch Haschana. Darin stehen neben theologischen Betrachtungen Reflexionen zu Ereignissen der Zeitgeschichte. Immer wieder beklagt er antisemitische und antijudaistische Tendenzen in der Bundesrepublik. So 1959: "Ich schäme mich fast zu Tode für jedes Zeichen eines neu erwachenden Antisemitismus in Deutschland", so in seinem letzten Neujahresbrief 1970, wo er "im heiligen Zorn über allen Antijudaismus" argumentiert.

Maas wurde im Vorfeld der beginnenden deutsch-israelischen Verhandlungen Anfang der 50er Jahre mehrfach aktiv. Im größten Hörsaal der Heidelberger Universität hielt er im April 1952 einen Vortrag vor dem Internationalen Versöhnungsbund: "Der Friede mit Israel, Schicksalsfrage für Deutschland." Am 9.Juli 1952 sprach er beim Council of Christians and Jews in London über "Germany and Peace with Israel".

Angesichts der katastrophalen Ernährungssituation in Israel schrieb Maas an den ihm aus Heidelberg wohlbekannten Bundespräsidenten Theodor Heuss: "Ist nun nicht der Augenblick gekommen, in einem ganz konkreten Fall damit zu beginnen, Frieden mit Israel zu schließen….und einen Versand von Lebensmitteln nach Israel vorzunehmen." Die Initiative von Maas wurde angeregt durch Schreiben von Freunden aus Israel und durch die von Erich Lüth von der Hamburger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit gegründete Aktion "Friede mit Israel". Heuss antworte Maas und betonte, der unterstütze ausdrücklich die Aufnahme von Beziehungen zu Israel, sehe aber auch große Schwierigkeiten: "...es ist so, daß auch innerhalb der Juden, sowohl der deutschen wie der fremden, mit denen ich sprach, die Problematik des offiziellen Verkehrs sehr verschieden beurteilt wird...".

Es war wohl Heuss, der anregte, dass Maas am 22. Januar 1952 vor der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft einen Vortrag zum Thema "Probleme des Staates Israel" halten konnte. Kurz zuvor hatte die Knesset mit einer knappen Mehrheit von 61 zu 50 die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Deutschland beschlossen. Am Ende seiner Rede ging Maas auf einen möglichen deutschen Beitrag zur Versöhnung mit Israel ein. Er nannte zunächst die "Verwirklichung der Ankündigung im Bundestag des wirklichen Kampfes gegen den Antisemitismus". Dieser Kampf sollte vor allem in der Erziehung der Jugend seinen Platz haben. Für die kommenden Verhandlungen mit Israel waren nach Maas auf deutscher Seite "Menschen mit einem feinen Gehör", die die nötige Sensibilität für ihre israelischen Gesprächspartner aufbringen. Ziel sollte sein "formal geordnete Beziehungen zu diesem seltsamen Staat Israel. Das ist die erste Chance bei dieser Wiedergutmachung. Der Friede liegt erst in weiter Ferne. Er wird vielleicht harte Bedingungen stellen. Wir müssen auch die hinnehmen und dazu auch einmal schweigen können. Die Aussöhnung aber ist eine Frage, die eigentlich nicht mehr in Menschenmacht steht. Die kann nur ein anderer schaffen."

Maas schloss mit folgenden Worten: "Wir müssen es vielleicht erst lernen, über diese weiteren Fernen und über diese größeren Abgründe hinüberzureden... Es gibt im Hebräischen, in der Sprache Israels, ein Wort für Friede, es heißt Schalom, Heil. Ich glaube, es geht jetzt in dieser Sache und Stunde um das Heil Israels, um das Heil Deutschlands, um das Heil der Welt."

Die Entwicklung ist dann doch ein wenig anders gekommen als sie Maas im Blick hatte. Noch 1952 wurden Verhandlungen zwischen Adenauer und Ben Gurion aufgenommen. Im September 1952 wurde in Luxemburg ein Abkommen abgeschlossen, in dem sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtete, "in den Grenzen der deutschen Leistungsfähigkeit die materiellen Schadensfolgen der während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gegen das jüdische Volk verübten Taten wieder gut zu machen". Im Mai 1965 wurden dann zwischen der Bundesrepublik und Israel volle diplomatische Beziehungen aufgenommen. Mit seinen Initiativen hat Hermann Maas einen kleinen, aber wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass Beziehungen zwischen Israel und Deutschland möglich wurden.

Hermann Maas wurde nach dem Krieg vielfach geehrt. Er wurde Ehrenbürger von Heidelberg, erhielt den Ehrendoktor der Heidelberger Universität und das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublick Deutschland. Ganz besonders gefreut hat er sich wohl über Ehrungen von Israel. 1966 wurde ihm in der Israelischen Botschaft in Köln die Yad-Vashem-Medaille überreicht. Er trug von da an den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern". Asher Ben Nathan, der erste Botschafter Israels in der Bundesrepublik Deutschland, sagte bei der Verleihung der Medaille: "Sie haben diejenigen als Ebenbild Gottes angesehen, die damals nicht als Menschen galten und Sie setzten dabei Ihr Leben aufs Spiel." Verbunden mit dieser Ehrung war, dass ihm zu Ehren in der Allee der Gerechten in Yad-Vashem ein Baum gepflanzt wurde. (Bild Urkunde Gerechter unter den Völkern) Er steht ziemlich am Anfang der Allee neben dem Baum, mit dem sein Freund Heinrich Grüber geehrt wurde, der Gründer und Leiter des sog. Büro Pfarrer Grüber. Besonders gefreut hat sich Maas, als ihm zu Ehren 1952 in Wingate Forest des Gilboa-Gebirges 457 Bäume gepflanzt wurden. 1965 ehrte Rehovot, die Partnerstadt Heidelbergs, Hermann Maas mit einer nach ihm benannten Straße.

Die Erinnerung an Hermann Maas ist in Heidelberg und in seiner badischen Landeskirche durchaus lebendig. Vor einigen Jahren wurde eine Hermann Maas-Gesellschaft gegründet, die die Erinnerung an ihn lebendig erhält, jährlich auch einen Hermann Maas-Preis verleiht. Die Hermann-Maas-Stiftung hat auch meine Reise nach Jerusalem finanziell unterstützt. Wir bemühen uns, durch geeignete Materialien Maas im Religionsunterricht und der Erwachsenenbildung bekannt zu machen. Dass die badische Landeskirche als eine der ersten Landeskirchen nach 1945 eine Erklärung zum Verhältnis von Juden und Christen verabschiedet hat, ist gewiss auch ein Verdienst von Hermann Maas. In dieser Erklärung heißt es, dass "wir betroffen die Mitverantwortung und Schuld der Christenheit in Deutschland am Holocaust" bekennen. Weiter stellt sich die Synode "der geschichtlichen Notwendigkeit aufgrund biblischer Einsicht ein neues Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk zu gewinnen."